Christliche Erziehung

 

Pro –
Passt christliche Erziehung in die heutige Gesellschaft von Christiane Thiel, Stadtjugendpfarrerin

Für religiöse Erziehung...

Kids

Contra –
Passt christliche Erziehung in die heutige Gesellschaft von Cornelia Falken, MdL

Die Kirche im Dorf lassen...

 

Die Einstiegsfrage muss lauten: was ist Religion überhaupt? Zunächst steht fest, dass es hier und jetzt keinesfalls um eine bestimmte Religion gehen soll. Meine tiefe Überzeugung ist, auch gegen allen Augenschein, dass Religion eine anthropologische Konstante ist. Damit meine ich, dass das religiöse Gefühl oder Bedürfnis irgendwie zu jedem Menschen gehört. Das sage ich, obwohl ich liebe Freunde und Freundinnen haben, die jetzt die Stirn runzeln und mir bei nächster Gelegenheit sagen: "Da sind sie wohl mit dir durchgegangen? Ich habe keine religiösen Gefühle und ich brauche die auch nicht." Meine Lieben, das sei euch unbenom-men. Religion kann man auch ver-lernen. Man kann sie so ganz und gar vergessen, dass man nichts mehr vermisst. Und auch kein schlechterer Mensch ist. Auch das ist unbenommen: wie viele gute Menschen gibt es, die ohne einen Gottesbezug auskommen und "christlicher leben" als viele, die sich Christenmenschen nennen. (Das ist eine traurige Wahrheit, die ich oft zu hören bekomme.)
Trotzdem zurück zu meiner Einstiegsfrage. Was ist Religion? Hier schlage ich ein Buch auf, das nach 250 Bänden zu jeweils 1000 Seiten noch nicht zu Ende wäre. Schon in meinem etymologischen Wörterbuch macht mich der Artikel zu diesem Wort ganz konfus. Deutlich wird, dass – egal aus welcher Ecke die Interpretationen kommen – das "re" am Anfang etwas mit "zurück" oder "erneut" zu tun hat. Dann ist die Einigkeit aber vorbei. Geht es ums "neu lesen" (so Cicero) oder ums "zurück–binden" (so Augustinus)? Religion bleibt in ihrer Definition ungenau. Religion hat etwas mit der Blickrichtung zu tun. Sie ist eine Schwester der Sinnfrage. Sie kann zur Helferin in allen Fragen des Weltverständnisses und des Selbstverständnisses werden. Weil sie etwas mit dem zu tun hat, das zurück liegt, auf das ich mich beziehen kann, von dem ich ausgehe und das mich mit den Toten verbindet. Religion macht uns auf die "Spur" des Religiöse Erziehung wiederum möchte ich nicht als Einübung in ein bestimmtes religiöses Schema auffassen, sondern als Einübung in eine Grundhaltung des Lebens. Henning Luther, ein Gelehrter, der leider sehr jung gestorben ist, hat das mal ungefähr so begründet: zur Welt zu kommen, leben zu lernen, Mensch zu werden, heißt, die Risse zu sehen, das Zerbrechliche zu erfahren und zu erleiden. Der Riss, der am schmerzlichsten ist und den Kinder und Heranwachsende fast körperlich erleiden, ist die klaffende Wunde zwischen dem, wie ich mich selbst wahr nehme und dem, was andere von mir wahrnehmen können. Egal wie nah ich meinen Eltern bin, egal wie vertraut wir sind, der Riss bleibt. Er muss bleiben. Er gehört zum menschlichen Sein. Nach Henning Luther ist Gott die Brücke über diesen Riss. Ich lerne, wenn mir Menschen religiöse Angebote machen, die mich erreichen, dass Gott den Riss überbrückt. Ohne, dass einlullendes Einerlei entstehen würde. Sondern durch die Vergewisserung,dass ich so, in dieser Zerrissenheit, gemeint und gewollt bin.
Es ist schön, wenn mein Kind weiß, dass es sich einer großen Liebe und Leidenschaft der Eltern verdankt. Noch schöner ist es, wenn es in einer Atmosphäre der Anerkennung und dauerhaften Wertschätzung aufwachsen darf. Das ist der Liebeswinterspeck, der angelegt werden muss, damit ich das Leben überlebe und gestalten kann. Und trotzdem ist das nicht genug. Da bin ich mir ganz sicher. Es braucht noch mehr Vergewisserung. Weil alle menschliche Liebe enden kann und muss, weil alles Verstehen und alle Geborgenheit Grenzen hat. Die Brücke Gott über den Riss der Sterblichkeit des Lebens über–brückt auch die Endlichkeit und die Menschlichkeit in ihrer Beschränkt–heit. Es muss mehr als alles geben. Gott ist das Nichts, das alles werden will! (Meister Eckhardt) Sind Aussagen über einen Urgrund des Lebens, die weiter tragen als familiäre Bande und schulische und berufliche Erfolge. Religiöse Erziehung ermöglicht Kindern, mit dieser Kraft in Berührung zu kommen. Und das ist wichtig.

Seit einigen Jahren wird heftig darüber debattiert, ob sich die Schule auf ihren Bildungsauftrag zurückziehen und somit den Eltern die alleinige Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder überlassen soll. Besonders im Bereich der Vermittlung von Werten und Normen des menschlichen Zusammenlebens erfüllt die Schule einen gewissen Teil der Erziehung jedoch automatisch. Die dabei vermittelten Werte und Normen basieren auf Jahrhunderte alten Traditionen, die bei uns ihren Ursprung zum Teil in den Grundzügen des Christentums haben oder – noch früher – zu Grundzügen des Christentums geworden sind. Soweit diese Werte immanenter Bestandteil heutiger Normen sind (z.B. "Du sollst nicht stehlen") besteht kein Problem. Die Schule kann ihren Teil zur Vermittlung solcher Werte ohne Copyright-Streit beitragen, und sie tut es.

Geht es aber um eine religiöse Erziehung, gar um den Religions- unterricht an den Schulen, sieht dies anders aus. Religiös meint hierzulande in der Regel christlich, unterteilt in evangelisch und katholisch. Die anderen Religionen bleiben außen vor. Mit Blick auf die fortschreitende Globalisierung auch der Kulturen und eben auch Glaubensrichtungen ist das ein Problem. Die Heraushebung des Unterrichtes in evangelischer bzw. katholischer Religion in Deutsch– land nährt zudem den Verdacht, dass damit vor allem versucht wird, die Zahl der Anhänger der beiden Kirchen nicht weiter sinken zu lassen. Doch auch das Grundgesetz sieht Religions-unterricht als ordentliches Lehrfach an staatlichen Schulen ausdrücklich vor. Diese Überhöhung wird noch dadurch verstärkt, dass für das Fach Religion Rahmenbedingungen gelten (z.B. kleinste Gruppen-größen), die man keinem anderen Unterrichtsfach gestatten würde!

Grundsätzlich sollte die Schule die Geschichte und Grundzüge aller Weltreligionen lehren, in einem neutralen Unterrichtsfach. Die Neutralität ermöglicht zu zeigen, dass unser Umfeld hierzulande kulturell vielfach durch traditi-onelle "christliche Werte" geprägt ist, dass andererseits einige dieser Vorstellungen auch in anderen Religionen zu finden sind und natürlich auch von Atheisten täglich gelebt werden.

Der Religionsunterricht selbst - und zwar auch der der Moslems, Buddhisten etc. - muss dann aber von den Institutionen der jeweiligen Glaubensrichtungen - den entsprechenden Kirchen - außerhalb der Schule angeboten werden. Dies entspräche der im Grundgesetz verankerten freien Ausübung der Religionen am ehesten, und der zur Zeit laufende Streit um die Möglichkeit der Zulassung von Islam-Unterricht wäre damit vom Tisch. Ohnehin wäre ein Unterricht aller ver-schiedener Religionen eine Aufgabe, mit der die Schule überfordert wäre, ganz abgesehen davon, dass die Schule bei so einer Vielfalt sowohl ihre eigene Neutralität als auch die Neutralität des vermittelten Stoffes nicht garantieren könnte. Interessanterweise gibt es in einem religiös geprägten Land wie den USA keinen Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Dies wird mit der Trennung von Staat und Kirche begründet, die dort übrigens von den großen Kirchen durchgesetzt wurde.

In Deutschland haben die Institutionen der katholischen und der evangelischen Kirche (und natürlich die der anderen Glaubensrichtungen) durchaus die Möglichkeiten, konfessionellen Unterricht mit eigenen Mitteln und in eigenen Räumlichkeiten anzubieten. Wenn in Sachsen bis 2010 fast 1.000 Schulen geschlossen sein werden, dürfte das Netz von Kirchen und Gemeindesälen ohnehin deutlich dichter sein als das der Schulen.

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