Freie Wahl der Grundschule
Pro –
Freie Wahl der Grundschule
von Katrin Goldhardt
Contra –
Freue Wahl der Grundschule
von Jörg Stern, Lehrer
"Unsere Kinder sind unsere Zukunft!"
Dieser, von vielen Menschen oft zitierte Ausspruch, lässt in seiner Konsequenz
erwarten, dass alle, egal ob persönlich oder professionell an der Entwicklung der Kinder
beteiligten Menschen Bedingungen schaffen, die unseren Kindern einen optimalen Start ins
Leben ermöglichen.
Dies sollte man denken, aber wie sieht es in der Realität bei uns denn wirklich aus?
Die Einschulung stellt einen gravierenden Meilenstein in der Entwicklung unserer Kinder dar.
Der Weg ist vorgegeben! Wird unser Kind für schulfähig erklärt, ist die Einschulung in der
entsprechend wohnortnahen Grundschule vorgesehen. Ein "Mitspracherecht" (eher Einspruchsrecht)
der Eltern existiert formell, in der praktischen Umsetzung gestaltet sich das erfahrungsgemäß schwierig.
Wir alle wünschen uns, dass unsere Kinder gern zur Schule gehen und mit Freude lernen und somit auch ihre
bestmöglichsten Leistungen erbringen können; eine Grundvoraussetzung für ihren (und damit auch für unseren)
späteren Lebensweg. Die Grundschule sollte daher ein Ort sein, an dem die Kinder sich wohl und sicher fühlen,
an dem sie eine soziale Integration erfahren und an dem sie je nach ihren individuellen Bedürfnissen und
Fähigkeiten entsprechend gefordert und gefördert werden. Das klingt nach einer Idealvorstellung, die aber
ein Muss für jede Grundschule sein sollte.Und wer, wenn nicht die Eltern, können einschätzen, welche Grundschule diesem
Anspruch für das eigene Kind gerecht wird.Oft trennen vorgegebene "Straßengrenzen" bei der Zuweisung der zuständigen
Grundschule Kinderfreundschaften. Auch die, während der Kindergar-tenzeit aufgebauten Beziehungen der Eltern
untereinander, die bei der Bewältigung des Alltags (z. B. in Bezug auf Arbeitszeiten) unterstützen könnten,
werden erschwert. Das aufgebaute soziale Umfeld, das dem Kind schon frühzeitig Sicherheit vermittelt, wird
hierdurch nicht unwesentlich gestört.Ein weiterer wesentlicher Grund, der für eine freie Grundschulwahl spricht,
ist aber die Tatsache, dass jede Grundschule dadurch stärker motiviert würde, bestmögliche Bedingungen für unsere
Kinder zu schaffen.Schulleitung, Lehrer und Erzieher würden verstärkt gefordert, ihren Lernauftrag durch Ideen und
individuelle Angebote zu bereichern, um ihre Schule attraktiv für die Eltern und deren Kinder zu gestalten.
Jedes Kind ist einzigartig. Es hat seine Stärken und Begabungen in ganz unterschiedlichen Bereichen. Manche Kinder auf
musikalischem, kreativen oder naturwissenschaftlichem Gebiet, andere im sozialen Umgang miteinander. Aber genauso haben
Kinder ihre Schwächen. Ob im Lesen und Rechnen, im motorischen oder sprachlichen Bereich oder es liegen ungünstige
soziale Bedingungen vor. Hier wird ganz klar der immer größer werdende Bedarf nach individueller Forderung und
Förderung sichtbar.Es bietet sich hier aber nicht nur ein deutlicher Ansatzpunkt für die Arbeit in den Grundschulen.
Sie haben hierdurch auch eine Chance, durch qualitativ gute Arbeit Anerkennung durch den Zuspruch der Eltern und Ihrer
Kinder zu erfahren und somit Einfluss auf den Bestand ihrer Schulen zu nehmen.
Dass dieses Vorgehen Erfolg verspricht, zeigen uns die umfangreichen Anmeldelisten von Schulen in freier Trägerschaft
(z.B. Kreativitätsschule) mit ihren am Kind und am Bedarf orientierten Konzepten.
Es muss allerdings dabei beachtet werden, dass mögliche Spezialisierung in Form von Profilschwerpunkten
(ähnlich denen an Gymnasien) nicht dazu führt, die Kluft zwischen Kindern mit und ohne Schwierigkeiten noch
zu vergrößern. Eine konzeptionelle Vielfalt in den Grundschulen sollte eher dazu dienen, für jedes Kind die
Grundschule zu finden, die seine optimale Entwicklung unterstützt. Wichtig ist dabei, dass die Grundschulen bei ihrer Arbeit
auf die Unterstützung von Stadt und Land zurückgreifen können. Aus meiner Sicht sollte ein gutes "Schulklima", soziale
Integration und eine individuelle Förderung unserer Kinder der Gradmesser für die Wahl einer Grundschule durch uns Eltern sein
Wir würden die Schule wählen, die optimale Bedingungen für die Entwicklung und Bildung unserer Kinder bietet, weil unsere Kinder
das Recht auf einen guten Start ins Leben haben, und weil sie unsere Zukunft sind!
Vom Gefühl her ist mir eine freie Schulwahl durch die Eltern sehr sympathisch. Es gibt aber aus der Praxis auch viele Gegenargumente, von denen ich hier einige vorstellen möchte:
1. Organisatorische Probleme
Eine freie Schulwahl führt zu starken Schwankungen der Schülerstärken und damit auch des jeweiligen Lehrerbedarfs. Es käme zu noch mehr Lehrerumsetzungen und –abordnungen, die bei diesen erfahrungsgemäß kaum Begeisterung auslösen. Es können auf Grund der vorhandenen Kapazitäten trotzdem viele Elternwünsche nicht erfüllt werden. Schulen, die einen besonders guten Ruf haben, werden total überlaufen. Die Schulleitungen haben wochen-, vielleicht auch monatelang mit Ablehnungen, Elterngesprächen und zunehmend mit Klagen zu tun. Für mich ergibt sich noch die Frage, nach welchen Kriterien denn eigentlich entschieden werden soll - Reihenfolge des Eingangs, Eignungsgespräche... ?
2. Fehlende Kontinuität der schulischen Arbeit
Aus den starken Schwankungen des Lehrereinsatzes ergeben sich Probleme für die kontinuierliche Arbeit. Wenn der Lehrer teilabgeordnet oder versetzt wird, versucht er natürlich trotzdem, seinen Unterricht ordentlich abzuhalten. Man braucht aber ein bis zwei Jahre, ehe man sich an der Schule richtig auskennt und deren Möglichkeiten voll nutzen kann. Es kann bei zwangsweisen Versetzungen auch zu Motivationsproblemen kommen. Diese ständigen Wechsel und Veränderungen führen auf jeden Fall, das zeigen die Erfahrungen nach den Schulschliessungen, zu Unsicherheit und Unruhe im Kollegium und behindern eine langfristige konzeptionelle Arbeit.
3. Schulwege
Schulwege verlängern sich für die Schüler, die nicht rechtzeitig in die nächstgelegenen Schulen angemeldet wurden.
4. Soziale Segregation
Unser Schulsystem führt u.a. nach der PISA-Studie zu einer Sortierung der Schüler nach Bildungsweg und Einkommen der Eltern. Ich sehe die Gefahr, dass bei freier Schulwahl einerseits "Eliteschulen" und andererseits Schulen für den "Rest" entstehen, die zu Problemschulen werden können. Ich bin für Schulbezirke und für eine gemeinsame achtjährige schulische Ausbildung, wie sie z. B. in Schweden und Finnland erfolgreich praktiziert wird und auch von SPD, PDS und Grünen in Sachsen vertreten wird. Dies führt zu höherer sozialer Kompetenz und zu mehr Chancen für Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen. Insgesamt führen Schulbezirke zu einer gewissen Gerechtigkeit, wenn das auch nicht von allen Eltern so empfunden wird. Man wohnt in einer bestimmten Straße, das bedeutet, das Kind kommt in die feststehende Schule und basta. Allerdings wäre ich für eine gewisse Lockerung der streng bürokratischen Handhabung, wenn in den begehrten Schulen noch Plätze frei sind.
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