Hausgeburt
Pro –
von Friederike Scholz, Hebamme
Contra –
von Constanze Koschorz, Hebamme
Die Geburt eines Kindes – meines Kindes – ein ganz entscheidender Augenblick im Leben jeder Frau.
Mutter werden an sich hat heute einen ganz neuen Stellenwert, und Frauen stehen unter immensem Druck – ob, wann und
wie sie ein Kind bekommen. Schwanger zu werden oder schwanger zu sein, heißt oft nicht mehr einfach "guter Hoffnung"
zu sein, sondern einem riesigen Markt an Medizinern, Diagnostikern, einer Babyindustrie und tausenderlei Ratschlägen
ausgeliefert zu sein. Statt sich geborgen und aufgehoben zu fühlen, muss sie sich sehr oft entscheiden für oder
gegen etwas. In dieser oft geplanten oder lang erhofften Schwangerschaft darf ja auch nichts schief gehen!
Wir als Hebammen lassen uns nicht verdrängen auf dem Mark, der Schwangere umwerben will. Wir denken, es ist zuallererst
unsere Aufgabe, sehr nahe bei den Frauen zu sein, deshalb versuche ich in der ganzen Zeit des Elternwerdens bei den
Familien zu sein. Ich arbeite freiberuflich, die Schwangeren kommen zu mir in die Praxis oder ich komme zu ihnen nach
Hause zur Vorsorge, zu Gesprächen, bei Problemen... Ich kann ihnen die Last der Entscheidungen nicht nehmen, ich versuche
sie zu begleiten. Ob das gelingt? Ich bin trotzdem froh, dass alles Platz hat in der Palette der Angebote.
Schwanger sein und Gebären sind Prozesse – sehr intime Prozesse, gesteuert von Hormonen der Liebe, wie Michel Odent
in seinem Buch "Die Wurzeln der Liebe" sagt. Ich habe selbst drei Kinder geboren. Zwei davon in Kliniken zu DDR-Zeiten.
Ich wusste als Kollegin, ich muss möglichst spät kommen, um Interventionen zu vermeiden, ich wollte spät kommen,
um niemandem auf den Geist zu gehen und weil ein Kreißsaal, egal wie eingerichtet, nun wirklich nicht zum
Verweilen einlädt. Ich kam zur Hausgeburtshilfe, weil mich Frauen fragten, ob ich sie zu Hause begleiten würde
und ich war und bin überzeugt davon, dass Frauen zum Gebären Hilfe und Unterstützung brauchen, die ohne Aufwand
von mir als Hebamme zu Hause gegeben werden kann. Mein drittes Kind kam zu Hause auf die Welt. Ich war zu Hause,
mein Mann, meine Familie waren zu Hause und unser Kind wurde da hinein geboren. Alle blieben da, nur die Hebamme
ging nach Hause. Ich habe noch heute das Gefühl, es wurde noch viel mehr geboren: ein Kind, eine Mutter, ein Vater,
große Geschwister, eine Familie... Nach zehn Jahren Wiederholungstäterschaft bin ich bei Hausgeburten noch immer
völlig fasziniert von der Ausstrahlung der Gebärenden, von der Atmosphäre, die sie dort zaubert und von der Kraft,
die von den Kindern ausgeht, die den Geburtsprozess mitbestimmen und ein Recht haben, würdevoll empfangen und
begrüßt zu werden in einem zu Hause.
Und was machen wir mit dem Risiko? Wenn Frauen sich wohl fühlen und ich sie in ihrem Befinden unterstützen kann,
ist das eine große Sicherheit für einen ungestörten Geburtsverlauf. Und das bleibende Risiko tragen wir einfach gemeinsam.
Gebären in der Klinik – Wo sonst? Ich bekomme ein Kind, natürlich gehe ich zum Gebären in die Klinik. Fast alle gehen dahin. Soweit ich es weiß, finden etwa 96 bis 97% aller Geburten im Krankenhaus statt.
Heute sind so gut wie alle Krankenhäuser mit schönen, neuen Entbindungsstationen ausgerüstet, die
sich sehen lassen können. Die Atmosphäre ist nicht mehr steril und unpersönlich, fast gemütlich könnte man sagen.
Um die richtige Wahl zu treffen, kann ich mir alle Geburtsabteilungen ansehen, überall gibt es Infotage oder Besichtigung
nach vorheriger Absprache. Ich kann alles fragen, was mich interessiert und die Unterschiede der einzelnen Einrichtungen
herausfinden. Im Geburtsvorbereitungskurs bekomme ich die richtige Orientierung - was ist wichtig für mich, was eher nicht?
Angst habe ich nicht. Eine Geburt ist ja ein ganz natürlicher Vorgang. Ich bin jung und gesund und vertraue meinem Körper.
Trotzdem weiß ich, dass auch in der Natur Fehler vorkommen und deshalb fühle ich mich in der Klinik sicher. Wenn es klemmt,
kann mir schnell geholfen werden. Von zu Hause mittendrin aufbrechen zu müssen, wenn es doch nicht klappt, klingt nach Stress,
und Stress möchte ich unter allen Umständen vermeiden, wenn ich niederkomme.
In der Klinik steht mir ein Team aus Hebammen, Ärztinnen und Schwestern zur Verfügung, natürlich nicht für mich ganz allein,
aber so, dass ich gut versorgt bin. Ich kenne die Hebammen nicht und ich muss vielleicht einen oder mehrere Schichtwechsel
mitmachen, dafür kommt immer wieder eine frisch ausgeruhte Hebamme mit neuer Energie.
Als persönliche Stütze nehme ich mir sowieso jemanden mit, ich darf sogar außer meinem Mann gerne noch meine beste Freundin
mitbringen oder lieber die Oma? Vor der Kreißsaaltür ist genug Platz, wenn jemand dann doch lieber draußen warten möchte.
Wenn die Wehen noch nicht richtig sind, kann ich auch noch mal nach Hause gehen oder ich bekomme einen Platz in einem ganz
normalen Zimmer, wo ich mir die Zeit der Startphase noch gut vertreiben kann. Ich darf essen und trinken nach meinen
Bedürfnissen und baden darf ich auch, wenn ich es möchte. Es gibt Kirschkernkissen, die in der Mikrowelle schnell erwärmt
werden können und im Rücken eine Wohltat sind. Außerdem gibt es ätherische Öle, die ich zu Hause gar nicht habe, das
gefällt mir gut. Was ich persönlich für mich brauche, kann ich mir mitbringen, vielleicht noch ein kleines zusätzliches
Kissen, meine Lieblingsmusik, einen kleinen Lieblingssnack, eine Wärmflasche, Badezusatz, mal sehen. Ein Dammschnitt
ist heute keine Routine mehr und wird nur gemacht, wenn das Kind gefährdet ist.
Nach der Geburt bleibt das Kind bei mir liegen, bis wir uns beide beruhigt und ausreichend beschnuppert haben, sofern
es dem Kind gut geht, das ist klar. Wenn alles gut gelaufen ist, kann ich ja nach der Geburt wieder nach Hause gehen,
das habe ich mit meiner Hebamme schon besprochen und darauf bereite ich mich gut vor, aber Gebären möchte ich in der
Klinik, auf jeden Fall, zumindest für diesmal, für die Geburt meines ersten Kindes. Beim nächsten Mal werde ich mir
alles noch einmal von vorn durchdenken und neu entscheiden. Aber bis dahin wird noch einige Zeit ins Land gehen.
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