Haben Lügen lange Beine
Haben Lügen kurze Beine ?
Nicht alles, was wir Erwachsenen bei Kindern als Lüge empfinden, ist auch eine. Dagegen erweisen sich manchmal unsere eigenen Wahrheiten als faustdicke Lügen.
Der halbe Erdball ist begeistert von Pippi Langstrumpfs sprudelnder Kreativität und Astrid Lindgrens surrealen Witz schätzen sogar Erwachsene. Das klingt dann so: "Na mein Kind", fragte der Vater, "erzählst du noch manchmal Lügen?" "Oh ja, wenn ich Zeit habe, aber es geschieht nicht so oft", sagte das Mädchen ganz bescheiden. "Wie ist es übrigens mit dir? Du warst ja auch nicht gerade auf den Kopf gefallen, was Lügen betrifft". "Ja, ich lüge manchmal an den Samstagabenden den Leuten etwas vor, wenn sie sich die Woche über gut betragen haben. Wir haben mitunter einen kleinen L&umml;gen- und Singeabend, mit Trommelbegleitung und Fackeltanz. Je mehr ich lüge, desto kräftiger schlagen sie auf die Trommeln".
"Ja, ja", sagte das Mädchen. "... ich lüge mir hier in meiner Einsamkeit selbst so viel vor, dass es eine Freude ist, das anzuhören, aber nicht mal so viel wie auf dem Kamm blasen, tut einer deswegen. Eines Abends als ich im Bett lag, log ich eine ganze Geschichte von einem Kalb zusammen, das Spitzen klöppeln und auf die Bäume klettern konnte, und denk bloß, ich habe jedes Wort geglaubt! Das nenne ich gut gelogen!" Ja, Kinder sagen nicht immer die Wahrheit. Manchmal gehen sie mit ihr und dem, was wir Erwachsene für Lüge halten, ernst und selbstverständlich zugleich um.
Und wie sollten wir fleißigen Leser uns jemals wieder frei machen können von den tragisch-komischen Abenteuern des Lügenbarons von Münchhausen? "Ein anderes Mal wollte ich über einen Morast setzen, der mir anfänglich nicht so breit vorkam als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen größeren Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch zum zweiten Male noch zu kurz, und fiel nicht weit vom anderen Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haar, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Knie schloss, wieder herausgezogen hätte". Einbildungskraft, bis ins Unwirkliche, Allmächtige gesteigert, gehört zum Handwerkszeug jeden guten Erzählers. Und sie zeichnet in vielen Fällen gerade jene Kinder aus, die wir in Büchern, Film, Funk und Fernsehen sehr schätzen: Phantasiebegabt, klug und von Überraschungen voll.
Worum geht es?
Nach allgemeinem Sprachgebrauch wird unter Lüge eine bewusste Falschaussage verstanden, mit der man Vorteile erlangen will bzw.
Nachteile abzuwenden sucht. In solchen Situationen erscheint es ungeschickt, ja zuweilen gar dumm, wenn man bei der Wahrheit bleibt,
weil sie dem Einzelnen ja Schaden bringt. Es geht also um Nützlichkeitserwägung. Ab welchem Moment daraus ein bleibender
Charakterzug wird und man "Verlogenheit oder Durchtriebenheit unterstellt", lässt sich häufig nicht genau ausmachen.
Ein Kind einen notorischen Lügner zu heißen, wie ich es bisweilen von der 9-jährigen Tochter in der Nachbarschaft erlebe,
lässt eher auf eine krisenhafte Beziehung in der Familie schließen als auf einen gleichsam angeborenen Charakterzug des Kindes.
Da reden die einen wohlwollend von blühender Fantasie und schütteln belustigt den Kopf, und die anderen kommen detektivisch
einer gemeinen Lüge auf die Spur. So breit ist die Palette elterlichen Verhaltens, wenn es um die Wahrheit geht.
"Du sollst nicht lügen," heißt das Gebot. Wie wir mit den "Lügen", den Unwahrheiten, den Fantasien unserer Kinder
umgehen, sagt immer auch etwas über uns selbst aus. Un- oder Halbwahrheiten geben Anlass, die eigene Haltung zu prüfen und
sich auf seine Vorbild(ungs)-funktion zu besinnen. Ab dem 4. Lebensjahr werden Lügen bewusst, d. h. mit bestimmten Absichten
eingesetzt. Ein Lügen, um für sich einen Vorteil zu erreichen bzw. einen Nachteil abzuwenden, spielt hier jedoch noch keine Rolle.
Von einer bewusst gesteuerten Täuschung kann entwicklungspsychologisch noch nicht ausgegangen werden. Unsere 5-jährige Julia setzte
zum wiederholten Male das Bad unter Wasser und blieb beharrlich bei ihrer Meinung, sie habe nur ein bisschen geplanscht. Nachdem ich
mich einmal einfach nur dazu gesetzt habe, was für sie gar kein Problem war, bezog sie mich in ihre Wasserspiele ein und ich
erlebte eindrucksvoll, wie sie in ihrem "Wasserwellenspiel" aufging. Nun waren schließlich Shampoo und Seife völlig aufgebraucht,
die Wanne mit Schaum voll...
Mit einem pädagogischen Wortschwall mahnte ich die "Riesensauerei" an. Sie ließ mich einfach wissen, "ich habe nur gespielt".
Ja, und das hatte sie! Und weil sie nicht aufräumen wollte, tat ihr plötzlich das Knie fürchterlich weh... Ältere
Kinder setzen Unwahrheiten bewusster ein, wofür sie aus ihrer Sicht häufig allerdings wirklich einen guten Grund haben.
Unsere 8-jährige Tochter z.B. beschönigt regelmäßig ihren Schulalltag, weil sie ihren Vater nicht (schon wieder)
als den großen Macher, den Klärer ihrer Probleme und ihrer Sorgen, erleben will. Es fehlte ihr mein Respekt vor ihrem Leben.
Was ist los?
Kleine Kinder schaffen sich ihre eigenen Welten und erproben verschiedene Rollen. Dabei ist bei Geschwisterkindern schon ein starker Wille
zu beobachten, unbedingt Recht haben bzw. behalten zu wollen. Wechselseitige Anschuldigungen sind dabei häufig an der Tagesordnung.
Dabei treten die Tatsachen in den Hintergrund, werden ausgeschmückt, bunter gemacht oder zugespitzt.
Besonders bei Trennungs- und Scheidungssituationen kommen Kinder häufig in Loyalitätskonflikte und greifen gerne zu Notlügen/Ausreden, um niemanden verletzen/verpetzen zu müssen. Erwartungen der Eltern, die nicht eingelöst werden können, z.B. in der Schule, bei den Noten führen bei älteren Kindern häufig zu Notlügen. Bei Überforderungssituationen, z.B. im Sport (ungeliebtes Schwimmen), werden auch häufig Ausreden gebraucht. Jugendliche vermeiden durch Lügen gerne auch Moralpredigten und Kommentare ihrer Eltern, wenn sie sich gegen deren harte Grenzziehung, Grenzsetzung versuchen zu schützen. Sogenannte Wunschlügen treten insbesondere dann auf, wenn sich Kinder in eine Situation hinein finden möchten, die sie real nicht erlebt haben oder erleben können. Der ersehnte Urlaub auf der Insel während der Schulferien, und tatsächlich hat man zu Hause bleiben müssen, weil finanzielle Engpässe in der Familie vorliegen. Und was erzählt man dann in der Schule, wenn Bilanz gezogen wird vor der Klasse. Öffentlichkeit legt sozial genehmes Verhalten nahe und befördert keineswegs Wahrhaftigkeit. Sehnsüchte befördern Wunschträume, die den Möglichkeitssinn als Überlebensstrategie trainieren. So recht weiß man als Kind noch nicht, was und wer man ist. Man will aber viel, manche gar alles und gerät unweigerlich in Konflikt mit den Wahrheiten der Erwachsenenwelt.
Was tun?
Wenn Kinder Eltern häufig belügen, sagt das fast immer etwas über die Beziehung/Nichtbeziehung zu den Eltern aus.
Haben Mutter und Vater voreinander Geheimnisse, gibt es Tabus in der Familie, werden Notlügen als situative Hilfe akzeptiert?
Je rigoroser Eltern die Wahrheit einfordern, desto größer wird ihr Risiko, belogen zu werden. Angst und auch Wut bei den
Kindern verstärken sich, häufig folgt dann eine weitere Kommunikationsverarmung. Man redet kaum noch miteinander.
Was können Eltern tun?
Eltern können Kinder überzeugen, dass eine Beichte über gemachte Dummheiten oder L&umml;gen nicht nur ehrenhaft, sondern
vor allem auch nützlich ist, dass keine Strafe ansteht, sondern die Möglichkeit eröffnet wird, einen eingetretenen
Schaden selbst wieder gut zu machen. Über die Aussprache kann konkrete Hilfe angeboten und auch die Sache aus der Welt geräumt
werden. Hilfreich sind klärende Gespräche, die erst einen Zugang zur Erlebniswelt der Kinder eröffnen. Falsche Erwartungen
und Anforderungen an die Kinder können korrigiert werden. Die Kinder spüren, dass die Eltern uneingeschränkt zu ihnen als
Personen halten. Nicht sie selbst werden zum Thema gemacht, sondern ihr Verhalten. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Ja, Kinder sagen nicht immer die Wahrheit, mehr noch, sie gehen mit ihr ernst und ganz natürlich um. Sie fordern Wahrheit heraus,
sie fordern uns heraus.
Dr. Siegfried Haller
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